Ein Blick ins Gestein

Ein Blick ins Gestein

Interview mit Wolfgang Binder von Binder & Binder Petrographic Interior Design

Das Unternehmen aus dem Nordschwarzwald geht ins Detail und nimmt Gesteine unter die Lupe. Das Ergebnis sind kunstvolle Drucke, die den Betrachtenden einerseits mit auf eine Reise zur Erstehung unserer Erde nimmt und andererseits eine moderne Abstraktion in zeitgemäße Innenarchitekturen bringt. Nun haben wir das Unternehmen selbst sprichwörtlich unter die Lupe genommen und beleuchtet.

Herr Binder, als Diplom Mineraloge beschäftigen Sie sich von Haus aus mit Mineralien und Gesteinen. Um das Berufsbild etwas näher zu beleuchten – geben Sie uns einen kurzen Einblick in Ihre ursprüngliche Arbeitswelt.

Die Mineralogie ist die Materialwissenschaft unter den Geowissenschaften. Ein interdisziplinärer Studiengang, der sich mit den Prozessen der Entstehung, der Struktur und den Eigenschaften natürlicher und industrieller Feststoffe befasst. Er bildet eine Brücke zwischen den Geowissenschaften und der Chemie, Physik und Werkstoffwissenschaft. Minerale und Gesteine sind natürliche Feststoffe – kristalline Substanzen mit einheitlicher atomarer Struktur und Zusammensetzung. Auf diesem interdisziplinären Feld zu arbeiten war hoch spannend. An der Universität arbeitete ich an der Struktur und den Eigenschaften neuer organischer kristalliner Substanzen. Bei IBM ging es um die Entwicklung und Herstellung des keramischen Herzstückes von Großrechnern, der Verdrahtung von tausenden Logikchips. Bei Applied Materials standen die Materialien, Verfahren und Maschinen zur Herstellung von Halbleiterchips im Zentrum.

Minerale sind Ihre große Leidenschaft, Sie haben diese zu Ihrem Beruf gemacht. Die Fotografie ist offensichtlich eine weitere Leidenschaft. Wann und wie kam Ihnen die zündende Idee beide dieser Welten mit einander zu verknüpfen?

Mein Interesse galt schon immer dem Naturstein. Die Idee Mineralogie und Fotografie für Anwendungen in der Architektur zu verbinden kam mir Anfang 2016. Ziemlich spontan – wie man so sagt – unter der Dusche. Ich sah einen Weg andere an der Faszination für Naturstein teilhaben zu lassen. Ich sah eine Möglichkeit etwas grundlegend Neues zu schaffen, die Möglichkeit Naturstein auf völlig neue Art in der Architektur einzusetzen. Die Idee ließ mich nicht los, ich begann sie umzusetzen. Es war ein Glücksfall Oliver Meckes, den renommierten Fotografen aus Reutlingen, zu treffen. Er ist heute mein Geschäftspartner. Er beherrscht die Makro- und Mikrofotografie des Natursteins wie kein anderer. Mit ihm zusammenzuarbeiten ist großartig und überaus begeisternd.

Was macht Ihr Material beziehungsweise den Prozess einzigartig?

Der Blick tief ins Gestein erschließt völlig neue Welten, zeigt die Einzigartigkeit jedes Steins. Von der Natur in Jahrmillionen der Erdgeschichte geschaffen hat jeder Stein sein einzigartiges Design erhalten. Dieses Design machen wir sichtbar und erlebbar. Das Ergebnis unseres Schaffens sind inspirierende ästhetische Darstellungen des Natursteins in einer Bandbreite von natürlich bis abstrakt. Die Farbgebung durch das Naturgesetz der Lichtbrechung und Interferenz lässt in feinsten Nuancen harmonisch aufeinander abgestimmte Farben entstehen. Das Wunschgestein wird vom Kunde zur Verfügung gestellt oder in enger Abstimmung in der Natur gezogen. Wir erstellen eine Serie von Motiven. Der Kunde wählt daraus sein Wunschmotiv.

In welchem Zeitraum haben Sie das Verfahren entwickelt?

Von der Idee bis zu den ersten Prototypen dauert es rund ein Jahr. Die Variation der Vergrößerung und die Farbgebung durch Wechselwirkung des Gesteins mit polarisiertem Licht kam in den Prototypen bereits zur Anwendung. Nach monatelanger Entwicklungsarbeit sind heute alle Verfahrensschritte auf Wandgröße ausgelegt.

Der Skalierungsfaktor und damit einhergehender Abstraktiongrad Ihres Verfahrens sind immens. Können Sie uns Anwendungen nennen?

Das Verfahren erlaubt Wände jeder Größe zu gestalten. Fertig wird man nie. Es gibt Gesteinsarten, welche besonders herausfordernd sind. Der individuelle Naturstein welcher Landschaften, Naturräume, Gebäude, persönliche Geschichten und Produkte wie beispielsweise Wein und Mineralwasser prägt, schafft die Grundlage für ganz individuelle Innenraum- und Wandgestaltung. Anwendungsbereiche sind der private Bereich, Hotels, Weingüter, Mineralbrunnen und Kunst am Bau. Bei Trägermaterialien und Anwendungsfeldern haben wir längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Es bleibt spannend.

Erahnen Sie die Struktur eines Steines? Oder ist es unter dem Mikroskop eine ständige Überraschung?

Gesteine aus der Natur haben oft eine Verwitterungs-Patina. Dann gibt erst die Bruchfläche Hinweise auf die Gesteinsart. Manchmal lässt sich das Design bei der Betrachtung des Gesteinsstücks erahnen. Oft sind die Strukturen, Texturen, Formen und Farben, welche wir mit unserem Verfahren ans Licht bringen, eine begeisternde Überraschung. Jeder Stein hat es in sich. Wirkliche Nieten sind selten. Das Strukturspektrum ist riesig, fast unendlich.

Dem Laien sind die klassischen Natursteine wie Muschelkalk oder Schiefer ein Begriff. Bilden Sie uns weiter. Wie viele Gesteinsarten gibt es auf unserem Planeten?

Stand 2018 gibt es 5389 Minerale. Minerale sind natürliche Festkörper mit einheitlicher atomarer Kristallstruktur und identischer Zusammensetzung. Jedes Gestein besteht aus einem Gemenge von kristallinen Mineralkörnern. Zusätzlich können Schalen, Skelette und Reste von Tieren und Pflanzen als Fossilien enthalten sein. Man unterteilt die Gesteine nach ihrer Entstehung und ihrer Zusammensetzung in Gesteinsfamilien und Gruppen. Alle Übergänge sind dabei möglich. Beispielsweise sind alle Übergänge zwischen reinen Kalksteinen und reinen Sandsteinen möglich. Es gibt Kalksandsteine in allen Sand-/ Kalk-Mischungsverhältnissen und allen Korngrößen. Klar abgegrenzte Arten wie bei Tieren und Pflanzen gibt es bei Gesteinen nicht. Die Antwort auf Ihre Frage nach der Anzahl der Gesteinsarten ist: Es gibt nahezu unendlich viele Gesteinsarten. Der Ort, welchen die Natur dem Stein zugedacht hat, ist damit ganz entscheidend. Oder anders ausgedrückt, jeder einzelne Naturstein ist ein unverwechselbares Zeugnis seines Ortes.

Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Motive aus? Welche Schritte müssen Sie vornehmen bis sie das perfekte Motiv gefunden haben?

Das Design der Gesteine ist eine Komposition der Künstlerin Natur. Die Aussage von Aristoteles „Die Natur bringt von dem was möglich ist immer das Beste hervor“ ist im Naturstein-Design bestätigt. Diese künstlerische Naturstein-Komposition zu erfassen ist unser Ziel. Dazu legen wir zwei oder drei Schnitte und präparieren jeweils das transparente Gesteinsplättchen. Nur ein perfektes Präparat ermöglicht perfekte Motive. Nicht jedes Präparat gelingt. Ist das Präparat perfekt, ist die Wahl des Bildausschnitts und der Beleuchtung, die Wahl der Lichtpolarisation ganz entscheidend. Dazu braucht es innere und äußere Ruhe und viel Zeit, Erfahrung, Gesteinskenntnis und Inspiration. Es ist die Kunst das von der Natur geschaffene Design ans Licht zu bringen. Super spannend sind Kombinationen perfekter Motive eines Gesteins von natürlich bis abstrakt oder Kombinationen von Motiven mit steigendem Grad der Abstraktion. Ein Beispiel sind die Steinblicke in den Bergvillen des Hotels Chalet Mirabell in Südtirol. Die Vorstellungen und Wünsche des Kunden im Dialog mit unseren Ideen führen zu genialen Projektergebnissen.

Neben der Aufarbeitung des Gesteins beschäftigen Sie sich mit Storytelling. Wie ist Ihre Vorgehensweise und warum ist die Verknüpfung aus Bild und Text so wichtig?

Grundsätzlich liefern wir Wandbilder oder Bilddateien mit einem Gesteinssteckbrief und Zertifikat. Diese Texte beschreiben die Fakten zum Gestein und Bild. Für jedes unserer Motive ist die Auflage limitiert. Auch die exklusive Nutzung eines Motivs ist möglich.

Nun aber zum Storytelling. Wenn gewünscht, liefern wir dazu Textmaterial. Jedes Gestein erzählt seine Geschichte. Wir hören zu und schreiben die Geschichte auf. Es ist die Geschichte seiner Entstehung, seiner Wanderungen über tausende Kilometer, die Geschichte seiner Wandlungen in der Tiefe der Erde. Geheimnisse, spannende Abschnitte und überraschende Fakten dieser Geschichte fassen wir in Texte. Die Geschichte, die der Stein erzählt, ist die Naturgeschichte von Orten, Landschaften, Bergketten, Weinbergen, Quellen, Dörfer, Gebäuden (Werkstein). Beispiele solcher Kurzgeschichten sind: „Unser Weinberg war vor Jahrmillionen der Ort feuerspeiender Vulkane“ oder „Wie kommt ein Meeresboden auf den Eiger?“

Bild und Text schafft spannende Erzählwelten, diese erzeugen Neugier, regen die Fantasie an, öffnen neue Perspektiven, der Betrachter erfährt und erlebt Neues. Unser Ziel ist, dem Kunden Material für seine Story zur Verfügung zu stellen, ihm neue Möglichkeiten für sein Storytelling aufzuzeigen. Jedes Projekt ist völlig anders. Mit jedem Projekt wächst meine Einsicht in die Welt des Storytellings.

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Granit aus dem Fichtelgebirge bei 40-facher Vergrößerung im Durchlicht.
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Das Naturgesetz der Lichtbrechung und Interferenz beeinflussen das Motiv.
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Identischer Bildausschnitt mit geänderter Schwingungsebene des Lichtes.
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Material das ihr braucht:

Ein repräsentatives, mindestens faustgroßes Stück Stein. Welche Gesteinsart gewählt wird hängt vom Kontext ab. Es kann jedes Stück jeder Gesteinsart sein.

Material das euch bewegt:

Gesteine besonderer Orte. Gesteine mit besonderen Geschichten. Das in Jahrmillionen von der Natur geschaffene einzigartige Design eines jeden Steins.

Material von dem ihr träumt:

Was uns bewegt und von was wir träumen ist, dem lokalen Stein, welcher Landschaften, Naturräume, Bauwerke, Produkte und persönliche Geschichten prägt, wieder seinen Platz in der Architektur einzuräumen. Durch das Design der Natursteine in Projekten Faszination und Inspiration zu schaffen.

Das Unternehmen Wolfgang Binder – Binder & Binder Petrographic Interior Design wurde 2016 in Calw gegründet. Nach Tätigkeiten auf dem Gebiet der Materialwissenschaften realisierte Wolfgang Binder die Idee Mineralogie und Fotografie für die Architektur zu verbinden. Das Unternehmen gibt dem regionalen Naturstein wieder seinen Stellenwert in der Architektur. Es holt den Naturstein aus der Bedeutungslosigkeit und macht ihn zu einem Highlight der Innenarchitektur. Grundlagen des Schaffens sind Wissen, Können und Erfahrung in der Welt der Gesteine, in der Fotografie und nicht zuletzt die Leidenschaft für Naturstein. Das Unternehmen steht für die Entwicklung, Planung und Herstellung von Natursteinfotografien für alle Bereiche der Innenarchitektur und für das naturorientierte Produktmarketing.

Die Personen dahinter: Wolfgang Binder, Einzelunternehmer, Mineraloge (link im Bild). Oliver Meckes, Geschäftspartner, Fotograf.

Die Produkte: Wand-/ Decken-Elemente und Wandbilder auf unterschiedlichen Trägermaterialien. Bilddateien sowie Fotografien und Texte für das Produktmarketing.

Alle Bilder © Binder & Binder Petrographic Interior Design

Wolfgang Binder – binder & binder petrographic interior design

Grüner Weg 12
75365 Calw
Deutschland

www.petrographic-design.com

Steinblicke gibts auch in Form eines Buntsandsteins in der Materialdatenbank. Ob als großflächige Wandverkleidung oder als gerahmtes Highlight-Element – auf dieversen Trägermaterialien wie Alu-Dibond, Vliestapete, Aluminiumplatte, Acrylglasplatte, etc. stehen diverse Motive zur Auswahl bereit.

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