Ein Meer voller Möglichkeiten

Ein Meer voller Möglichkeiten

Interview mit Carolyn Raff

Die Textildesignerin Carolyn Raff arbeitet seit ihrem Diplom an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart 2017 als freiberufliche Designerin im Bereich der Materialforschung. Hierbei liegt ihr Augenmerk auf schnell nachwachsenden Rohstoffen aus dem Meer. Ihre experimentellen und konzeptionellen Designansätze finden ihren Einsatz im Bereich Modedesign, lassen sich aber auch auf andere Bereiche übertragen. Mit ihrer eingereichten Collage zum Thema Farbe hat uns die Designerin überzeugt und wir durften sie zu ihrem aktuellen Projekt befragen.

Carolyn, Du bist studierte Textildesignerin, kennst Dich also bestens mit Geweben, Gestricken und anderen textilbildenden Techniken aus. Wie bist Du nach Deinem Diplom zum Thema der Materialforschung gekommen?

Ich habe mich während meines Studiums an der ABK Stuttgart viel mit dem Thema Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit beschäftigt. Ein Thema dabei war, die Recherche nach neuen Ressourcen im Kontext textiler Anwendungen. Dabei bin ich auf Algen gestoßen und die aktuellen Entwicklungen, Mikroalgen in Röhrenreaktoren zu züchten. So war mein Anfangspunkt, mit Mikroalgen Textilien zu bedrucken und zu färben um dann, nach einigen Umwegen, bei der algenbasierten Materialforschung anzukommen.

Du hast nicht nur an der AKA (ABK Stuttgart) studiert, sondern auch an der Danish Royal Academy of Fine Arts in Kopenhagen. Hat Dein Aufenthalt dort etwas mit Deiner hauptsächlichen Materialquelle, dem Meer, zu tun?

Allerdings! Ich habe an der Kunsthochschule in Kopenhagen viel über Prinzipien der Nachhaltigkeit gelernt. Auch die häufigen Spaziergänge am Amager Strand gaben den Anlass, die verschiedenen Algenarten zu recherchieren und die Alge als schnell nachwachsende Ressource in Verbindung mit Textildesign zu bringen. Die Stadt im Allgemeinen ist sehr inspirierend, mit seinen Museen, den Kanälen, die die Stadt durchziehen und die entspannte Art der Dänen. Ich kam angefüllt mit Inspiration und schönen Eindrücken nach Stuttgart zurück. Dies hat sich automatisch auf meine Arbeit übertragen.

Um Dein Material, eine Art Bioplastik, herzustellen, arbeitest Du auf verschiedene Weise mit dem gelierenden Extrakt Agar aus der Rotalge. Wie kann man sich den Prozess vom Meer zum nachhaltigen Material vorstellen?

Da ich in der Nähe von Stuttgart lebe und arbeite, musste ich mir etwas einfallen lassen, meine Recherche fortzusetzen. Ich benötigte ein algenbasiertes Material, für das es bereits eine bestehende Infrastruktur gibt. Dabei bin ich auf Agar gestoßen das hauptsächlich in der Lebensmittelindustrie Verwendung findet. Da kam mir die Idee, die, für die textile Färberei ungeeigneten Farbstoffe von Algen, zu nutzen um die Agarmasse einzufärben. Beispielsweise nutze ich den extrahierten Farbstoff Phycocyanin der Mikroalge Spirulina, die sicherlich viele aus ihren Smoothies kennen. Algen ist die älteste Pflanzengruppe und auch eine der vielfältigsten. Es gibt also noch viel zu erforschen und neue Möglichkeiten diese Pflanzenart in die Materialforschung miteinzugliedern. Daher auch der Titel „Ein Meer voller Möglichkeiten“, da die Grenzen des Möglichen noch lange nicht in Sicht sind.

Aus dem Rohmaterial fertigst Du Pailletten an, die im Gegensatz zu herkömmlichen Pailletten biologisch abbaubar sind – ein sehr positiver Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Wie ist das Feedback der Modewelt zu Deiner Herangehensweise? Gibt es eine Kooperation, die Dich besonders gefreut hat?

Die Resonanz ist sehr positiv und bestärkt mich in meiner Arbeit. Vor allem junge Modedesigner, die sich schon während ihres Studiums mit den Umweltauswirkungen der Modeindustrie auseinandersetzen, kommen auf mich zu. Mich freut es natürlich ganz besonders, wenn Kreative mein Material in einen Kontext bringen, an den ich selbst gar nicht gedacht hatte. So war es für mich eine ganz besondere Zusammenarbeit mit der Pariser Künstlerin Muriel Nisse. Sie entwarf Masken, auf die sie meine Biopolymer-Pailletten applizierte. Zu sehen waren die Masken während der Haute Couture Fashion Week in Paris im Januar 2020.

Dein Projekt nennt sich Ein Meer voller Möglichkeiten. Welches Potential siehst Du in Deinem Material noch neben dem Einsatz in der Mode?

Je länger ich mich mit dem Material auseinandersetze und je mehr Versuche ich damit mache, desto mehr Einsatzbereiche halte ich für realistisch. Durch die thermoplastischen Eigenschaften des Biopolymers kann es beispielsweise als Beschichtung fungieren oder in Form gebracht werden. Auch das Verarbeiten mit dem Lasercutter ist dadurch kein Problem. Diese Eigenschaft des Materials macht es einfach, beispielsweise den Verschnitt zu recyclen. Die Einsatzbereiche sind unglaublich vielfältig und ich freue mich schon darauf, weitere Einsatzmöglichkeiten auszutesten.

Deinem Material scheint in Punkto Farbe kaum Grenzen gesetzt zu sein. Wie erreichst Du diese Vielfalt der Farben? Achtest Du hierbei auch auf natürliche Materialien?

Natürliche Farbstoffe sind sogar das Hauptaugenmerk bei der Farbauswahl. Ich experimentiere viel mit natürlichen Farbstoffen die in der Textilfärberei Verwendung finden wie beispielsweise Cochenille, das je nach Mischungsverhältnis von Farbtöne von Zartrosa bis hin zu dunklem Bordauxrot erzeugen kann. Aktuell arbeite ich an einem Projekt zusammen mit der Modedesignerin Nikolett Madai. Sie nutzt Kurkumarinde, ein Abfallprodukt aus der Saftproduktion, zum Färben von Textilien. Ich wiederum kann das Färbebad, das normalerweise in den Abfluss geschüttet würde, zur Herstellung des Biopolymers nutzen. So wird der Farbstoff mehrfach verwendet, was sowohl einen wirtschaftlichen, als auch ökologischen Vorteil bietet.

Du konntest durch mehrere Stipendien mit Deinem Projekt direkt nach dem Studium durchstarten. Wo siehst Du Dein Projekt in Zukunft – Manufaktur oder industrielle Herstellung?

Ich arbeite auf Hochtouren daran, die Prozesse zu vereinfachen und einen industrielleren Herstellungsprozess zu entwickeln, mit besonderem Fokus auf Energieeffizienz Restwärmenutzung. Bei den vielen Möglichkeiten der Farb- und Oberflächengestaltung des Biopolymer ist die Herstellung nach Kundenwunsch die einzig realistische Umsetzung.

Material, das Du braucht:

Seidenorganza.

Material, das Dich bewegt:

schwarzes Acrylglas.

Material, von dem Du träumst:

reflektierendes Algen- Biopolymer.

Kurzporträt


> Unternehmen: Carolyn Raff Studio
> Die Personen dahinter sind: Carolyn Raff
> Ihre Produkte: kompostierbares Biopolymer aus Algen
> Link zum Unternehmen: www.carolynraff.de
Instagram: @an_ocean_full_of_opportunities

Die Fragen wurden beantwortet von: Carolyn Raff

Bilder © Carolyn Raff

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