Fortschritt als Tradition

Fortschritt als Tradition

Interview mit Dijane Slavic von Jung

Der Letzte macht das Licht aus! Bei den Technikmöglichkeiten aus dem Hause Jung heißt das nicht unbedingt, dass ein klassischer Schalter betätigt werden muss, denn das Produktportfolio des deutschen Elektrotechnikunternehmens ist optisch wie auch funktional weit gefächert. Das Familienunternehmen mit Sitz in Schalksmühle im Westen Deutschlands bietet Produkte von hoher Technik- und Designqualität, von der Steckdose bis hin zur Sprachsteuerung für smartes Wohnen. Uns geht das Herz und ein Licht auf!

Seit über 100 Jahren steht Jung für Qualität und Design im Bereich der Haustechnik. Wie seid Ihr dazu gekommen?

Das Bauen entwickelt sich stetig entsprechend des Zeitgeists und des technologischen Fortschritts weiter. Wir sehen es bei Jung als unsere Unternehmensverantwortung, diese Entwicklung nicht nur mitzugehen, sondern positiv – im Rahmen unserer Möglichkeiten – zu prägen. Seit drei Generationen lebt das familiengeführte Unternehmen Jung das Motto Fortschritt als Tradition – und beide Aspekte, das Bewahren von Traditionen und Werten sowie die Investition in Forschung und neueste Technologien, sind tief verwurzelter Bestandteil der Unternehmens-DNA. Das hängt natürlich stark mit dem Selbstverständnis der Gründerfamilie zusammen und mit deren Gespür für den jeweiligen Zeitgeist. Das Unternehmen hat seinen Ursprung im Jahr 1912, als der Elektromechaniker Albrecht Jung mit der Erfindung eines damals neuartigen Zuglichtschalters den Markt revolutionierte. Auch über 100 Jahre später setzt Jung Zeichen mit innovativer Smart Home-Technik wie KNX- und Funksystemen zur Steuerung der Gebäudetechnik. Oder auch mit der zukunftsorientierten Weiterentwicklung bestehender Produkte wie den Jung Schuko Steckdosen mit USB-Port oder dem Jung Kippschalter LS 1912, der um eine moderne Variante mit LED-Beleuchtung erweitert wurde.

Ihr produziert Produkte von ästhetischer Vielfalt und mit einem hohen Designanspruch. Warum ist Euch das Design so wichtig?

Architektur ist die Summe ihrer Einzelteile. Nur durch wertige und dem jeweiligen Gestaltungsanspruch entsprechende Materialien und Produkte kann eine architektonische Idee auch umgesetzt werden. Dafür ist eine große Design-, Farb- und Materialauswahl notwendig, aus der Planende und Bauverantwortliche auswählen können. Wir bei Jung verfolgen aber eine ganzheitliche Produktstrategie, die das Design, die Funktionalität und verborgene Technik vereint. Auch wenn es vielleicht ein bisschen pathetisch klingt, aber darin liegt doch die grundsätzliche Idee von Architektur: Firmitas (Dauerhaftigkeit) + Utilitas (Funktionalität) + Venusta (Anmut, Sinnlichkeit, geistiger Gehalt), um die vielzitierte Definition von Vitruv zu bedienen. Fehlt einer dieser drei Aspekte, handelt es sich um reines Bauen, aber nicht um Architektur. Jung ist es immer wichtig, den Spagat zwischen Design und Technologie, Ästhetik und Effizienz, Tradition und Fortschritt zu meistern.

Ein Lichtschalter ist ein Lichtschalter ist ein Lichtschalter – könnte man meinen! Ihr scheint den Lichtschalter immer wieder neu zu erfinden. Woher kommt die Leidenschaft für so ein simples Produkt?

Ein Lichtschalter stellt den Ursprung des Unternehmens dar, deshalb baut auch das Produktportfolio darauf auf. Dieses hat sich aber im Laufe der Jahre stetig weiterentwickelt. Jung bietet heute als Hersteller moderner Gebäudetechnik Produkte für die gesamte Palette der Elektroinstallation an, vom Lichtschalter über Sicherheitstechnik und Türkommunikation bis hin zu Funk- oder KNX-basierten Anwendungen. Und ja, ein Schalter kann einfach nur ein profaner Lichtschalter sein, er kann aber genauso auch ein prägendes Gestaltungselement sein oder ein multifunktionsfähiges Tool mit innovativen Tastsensoren zur Steuerung von Sonnenschutz und Gebäudetechnik. Eine scheinbar kleine Produktlösung kann dadurch einen großen Einfluss auf die letztendliche Nutzung von Räumen haben.

Euren klassischen Lichtschalter, den LS 990, gibt es seit 2014 exklusiv auch in den Farben des Farbsystems Polychromie Architecturale von Le Corbusier, er ist damit wunderbar mit anderen Raumelementen dieser Farbwelt zu kombinieren. Wie ist es zu dieser Partnerschaft gekommen?

Der LS 990 steht zunächst einmal für zeitloses Design, schließlich begeistert dieser bereits seit 1968 mit einer sehr einfachen Eleganz. Der Schalter hat eine regelrechte Anhängerschaft – es gibt sogar Architekturbüros, die ausschließlich dieses Schaltersystem für ihre Projekte nutzen. Angelehnt an das schlichte Bauhaus-Design ist der LS 990 in Wohnbauten genauso zu finden wie in Museen, Fußballstadien oder Kirchen. Der Schalter war in den ersten Jahrzehnten nur in Weiß erhältlich, in den 1990er-Jahren kamen dann vermehrt Anfragen von Architekturbüros nach anderen Farben. Zunächst wurden diese Wünsche als Sonderlackierungen erfüllt, bis dann mit den Les Couleurs Le Corbusier eine Farbauswahl mit 63 aufeinander abgestimmten Farben zur Verfügung gestellt werden konnte. Das Farbsystem der Polychromie Architecturale von Le Corbusier besteht aus 20 kräftigen Farbtönen und 43 abgedämpften Farben, die sich harmonisch in sämtlichen Varianten kombinieren lassen. Dadurch ergeben sich für die Gestaltung der Architektur mit Farbe ganz neue Möglichkeiten – farbige Schalter auf weißen Wänden, weiße Schalter auf farbigen Wänden, Ton-in-Ton-Variationen oder die Farbkonzeption anhand von bestimmten Farbpaletten.

Die Vielfältigkeit des LS 990

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Seit Neuestem bietet Ihr die Farbtöne Graphitschwarz matt und Schneeweiß matt an. Woher kam der Wunsch zur Reduktion in der Farbwahl?

Die Besonderheit von Graphitschwarz und Schneeweiß ist genau genommen nicht deren Farbe, sondern die spezielle matte und haptische Oberfläche. Durch die Veredelung wird das Licht absorbiert. Schwarz wirkt noch schwärzer, Weiß wirkt samtig weich. So lassen sich durch Purismus besondere Statements setzen. Auch wenn es vielleicht klischeehaft klingt, Schwarz ist nun mal die Lieblingsfarbe vieler Architekten, gefolgt von Weiß, besonders hier in Deutschland.

Der Trend geht hin zur großflächigen Vernetzung der Technik im Raum und zur sprachgesteuerten Haustechnik. Wie seht Ihr den Einsatz von Farbe und Material im Bezug auf Eure zukünftigen Produkte?

Das eine schließt doch das andere nicht aus! Ganz im Gegenteil, das ist die besondere Qualität von Jung Produkten: sie sind beides – ästhetisch vielseitig und technisch innovativ. Die intelligente Jung KNX-Technik kann beispielsweise mit allen Produktlinien umgesetzt werden – von den 63 originalen Farben Les Couleurs Le Corbusier bis zum gebürsteten Messing-Modell. Wie die Tasten belegt werden, ob sie schalten, dimmen oder steuern – selbst Mehrfachbelegungen sind durch ein ausgeklügeltes System möglich –, ist dem Nutzer selbst überlassen. Auch in Bezug auf Barrierefreiheit sind Differenzierung und Abstufungen durch Hellbezugswerte je Farbe möglich, um die Erkennbarkeit von unterschiedlichen Objekten zu erhöhen. Die Technik hat den Schritt ins 21. Jahrhundert gemacht, der Look muss deshalb noch lange nicht futuristisch werden. Jung bleibt sich auch hier weiterhin treu.

Ihr seid stolz darauf, ausschließlich in Deutschland zu produzieren – ein Zeichen für Qualität und gleichzeitig ein positiver Aspekt im Bereich Lieferwege und Nachhaltigkeit. Welche weiteren Schritte unternimmt Jung, um sich in puncto Nachhaltigkeit umweltfreundlich zu entwickeln?

Wir definieren Nachhaltigkeit ganzheitlich. Umweltfreundlich zu handeln ist dabei natürlich ein wichtiger Punkt. Ebenso wichtig ist aber auch die unternehmerische Verantwortung – für die Region und für die Qualität unserer gebauten Umwelt. Mit dem Bekenntnis zur Produktion in Deutschland setzt Jung auf nachhaltige Entwicklungs- und Herstellungsprozesse, kurze Logistikwege der Zulieferer, eine energieeffiziente Produktion und intelligente Verpackungen aus Altpapier. Ebenso wichtig ist aber auch die permanente Optimierung der elektrotechnischen Gebäudesystemtechnik durch Forschung und Entwicklung, um dazu beizutragen, unsere Gebäude ressourceneffizienter werden zu lassen. Präzision in der Verarbeitung, meisterhaftes Handwerk und hohe Designqualität sorgen dafür, dass die Produkte robust und langlebig sind. Mit viel unternehmerischem Engagement fühlt sich Jung den Mitarbeitenden, Handwerksbetrieben und ausführenden Firmen in der Region ebenso verbunden wie den nationalen und internationalen Partnern aus Handel und Architektur. Das Selbstverständnis der globalen Marke Jung speist sich immer aus dem Bewusstsein für die regionale Verwurzelung und dem Denken in Generationen statt in kurzfristigen Erfolgen. Wichtig ist dabei der vertrauensvolle Dialog. Jung interessiert sich dafür, was die Branche denkt, und diskutiert darüber beispielsweise in den Jung Architecture Talks und Lectures mit namhaften Protagonisten der Architekturszene. So werden aus Visionen verlässliche und nachhaltige Produktlösungen.

In unserem Trendmagazin Materialreport 2021 stellen wir Eure USB-Steckdose vor. Mit dieser können USB-Geräte zusätzlich zu Geräten mit normalem Stecker aufgeladen werden, ohne eine Steckdose zu belegen. War dies eine Entwicklung, die im Zuge der Homeoffice-Welle im vergangenen Jahr entstanden ist?

Die Forschungs- und Entwicklungsphase für die Jung Steckdosen mit USB-Buchse liegt natürlich schon länger zurück – da konnte noch niemand den momentanen Homeoffice-Boom erahnen. Wichtig bei der Produktentwicklung war eine Zertifizierung des deutschen VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V.), um die höchsten Sicherheitsstandards garantieren zu können. Das dauert natürlich ein wenig. Was zu diesem Zeitpunkt aber schon absehbar war, ist, dass die Menge an digitalen Endgeräten steigt, ohne die flexible Bürotätigkeiten, aber auch viele Aspekte unserer Freizeit nicht mehr funktionieren. Eine sinnvolle Lösung im Büro und Homeoffice, aber auch am Flughafen oder beim Friseur sind dabei USB-Steckdosen mit Ports Typ A und C oder multifunktionale Schuko USB-Steckdosen, die das Aufladen von Smartphone oder Tablet ermöglichen, ohne die eigentliche Steckdose zu belegen. Der USB-Port ist auch relevant, da namhafte Hersteller von digitalen Endgeräten bereits damit begonnen haben, diese aus Umweltaspekten ohne zusätzliche Ausstattung wie Ladegeräte auszuliefern. Die digitalen Devices werden zukünftig über Standard-USB-Anschlüsse geladen und tragen so dazu bei, die Menge an Elektroschrott zu reduzieren. Nach Wunsch der EU wird sogar über eine gesetzlich vorgeschriebene Entkopplung von Ladegeräten bei allen mobilen Endgeräten diskutiert. Die Jung Schuko Steckdose mit USB-Ladeeinheit hat also definitiv den Zeitgeist getroffen.

Wir haben im Jahr 2020 so viel Zeit zuhause verbracht wie wohl nie zuvor. Gibt es ein Produkt aus Eurem Portfolio, das es den Kunden im vergangenen Jahr besonders angetan hat, und haben sich auch bei Euch neue Ideen aufgetan, nun, da man sich intensiver mit dem Zuhause beschäftigt hat?

Das Jahr 2020 hat uns noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt – und das völlig losgelöst von der Produktpalette –, wie wichtig das Miteinander, der persönliche Kontakt, das Gespräch sind. Die letzten Monate waren geprägt von Social Distancing. Deshalb war und ist es uns extrem wichtig, den Dialog mit Planenden, Architekturschaffenden und Bauverantwortlichen weiter aufrechtzuerhalten. Im April 2020 wurde deshalb im Rahmen der Jung Architekturgespräche eine Podcast-Reihe ins Leben gerufen, die sich zu einem wunderbaren Medium entwickelt hat, auch ohne Vor-Ort-Veranstaltungen und Szenetreffs weiterhin eine rege Architekturdiskussion zu führen. Dem ersten Podcast folgten bisher fast 60 weitere spannende Gespräche mit tollen Persönlichkeiten – insgesamt, Stand Januar, über 1700 Minuten. Die Gespräche können auf unserer Website und über gängige Audioportale abgerufen werden. Wenn wir etwas aus dem Jahr 2020 gelernt haben, dann ist es tatsächlich die Wertschätzung des persönlichen Austauschs – innerhalb der Jung Familie, in der Region, aber auch mit unseren vielen internationalen Partnerinnen, Partnern und Planenden in der ganzen Welt.

» Zum Podcast

Material, das Ihr braucht:

Inspiration und Innovation

Material, das Euch bewegt:

Die Menschen, mit denen wir weltweit arbeiten.

Material, von dem Ihr träumt:

Die Referenzen, die wir weltweit ausstatten dürfen.

Jung entwickelt und stellt mit Pioniergeist zeitlos gestaltete Produkte und zukunftsorientierte Lösungen für die Gebäudetechnik her. Die Schalterdesigns und Anwendungen werden an den beiden Standorten in Schalksmühle und Lünen gefertigt. Dafür erhielt das Unternehmen 2011 vom TÜV Nord das Zertifikat Made in Germany. Das Jung Team besteht aus 1.300 Mitarbeitenden in Deutschland sowie 19 Tochterunternehmen und über 70 Vertretungen in Europa, Nordamerika, dem Nahen Osten und in Asien.

Eure Produkte:
Moderne Gebäudetechnik: Schalter, Steckdosen, Dimmer, Wächter und Systeme zur Steuerung von Gebäudefunktionen

Die Fragen wurden beantwortet von:
Dijane Slavic, Leitung Architekturkommunikation


ALBRECHT JUNG GMBH & CO. KG

Volmestraße 1
58579 Schalksmühle
Deutschland

www.jung.de

www.jung-group.com

Bilder © Jung

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