Immaterielle und materielle Qualitäten

Immaterielle und materielle Qualitäten

Interview mit Diplompsychologin Gudrun Rauwolf von der TU Berlin

Im Materialreport 2021 mit seinem Fokus auf Arbeitswelten haben wir im Zuge einer Expertenumfrage bei sechs Fachkundigen nachgefragt, so auch bei Gudrun Rauwolf: Welche Materialien bestimmen das Büro der Zukunft? Wie werden sich die aktuellen Veränderungen der Arbeitswelten auf die Ausstattung von Arbeitsumgebungen und Materialien auswirken? 

Welche Qualitäten muss das Unternehmens-Büro bei verstärkter Remote Work bieten?

Viele haben in den letzten Monaten auf Grund der Kontaktbeschränkungen die Erfahrung gemacht, im Homeoffice zu arbeiten. Die meistgenannten Vorteile waren Zeitersparnis des Arbeitswegs, Dresscode, Flexibilität in der Kinderbetreuung und Konzentrationsfähigkeit. Dies hat auch eine Reflexion angestoßen, wie Raumqualitäten uns bei Tätigkeiten unterstützen oder auch behindern können – und warum Büros attraktiv sind oder wie sie besser funktionieren könnten. Bereits in den vergangenen Jahren gab es eindrückliche Studienergebnisse aus einer Harvard-Studie von Bernstein und Turban, dass Großraumbüros nicht unbedingt Kommunikation fördern, sondern Mitarbeitende verstummen lassen und sie sich zurückziehen. Auch das Frauenhofer IAO hat die Wirkung von Raumkonzepten, wie Einzelbüros, Großraumbüros und Multispaces, hinsichtlich Parameter wie Wohlbefinden, Produktivität und Motivation untersucht. Großraumbüros schnitten am schlechtesten in Bezug auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden ab, Einzelbüros zeigten einen positiven Effekt in Bezug auf die Produktivität. Aber am besten schnitten Mulitispace-Büros ab, das sind flexible Raumkonzepte mit offenen und geschlossenen Bereichen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Raum für Ruhe bei Einzel- und Gruppenarbeit sowie Abwechslung und Raum für schnellen Austausch tatsächlich Wohlbefinden, Leistung und Motivation erhöhen können. Die Angebotsvielfalt unterstützt unterschiedliche Arbeitsstile.

Die Implementierung beziehungsweise teilweise Beibehaltung der Vorteile von flexiblen Arbeitsformen, wie Remote Work, aber auch Gleitzeit, stellt neue nutzungsorientierte Anforderungen an die Arbeitsumgebung und an die Organisationskultur, die tätigkeitsspezifisch sind. Wesentliche Aspekte sind geeignete Informations- und Kommunikationstechnologien, die von Mitarbeitenden ortsgebunden und ortsunabhängig, aber von allen auch zeitsynchron genutzt werden können. Die soziale Interaktion stellt dabei eine wichtige Arbeitsressource dar. Zu starke Auslastung der Büromöglichkeiten sollten genauso wie das Gefühl eines leeren Büros vermieden werden.

Auf welche Materialaspekte für Arbeitswelten wird man künftig besonderen Wert legen? Nennen Sie gerne konkrete Materialien und Anwendungen. 

Scheinbar immaterielle Qualitäten wie Licht, Raumluft und Akustik prägen die Zonierung eines Raumes und sind zentral im Arbeitsalltag, da sie sich direkt auf Nutzungsverhalten, Wohlbefinden, aber auch die Produktivität von Gruppen- und Einzelarbeit auswirken. Dies wird durch das Zusammenspiel des Materials der verschiedensten raumbildenden Oberflächen wie Möblierung, Wände, Boden, Decke geprägt. Der Decke kommt als gestalterisches Mittel eine besondere Bedeutung zu, da sie oft die einzige durchgängige Fläche ist, die die Raumqualität – auch ästhetisch – beeinflusst.

Zukünftig wird zudem ein wesentlicher Aspekt die Nachhaltigkeit bei der Materialauswahl sein. Ein gutes Beispiel ist die Forschung zu pilzbasierten Werkstoffen als schnell nachwachsende Ressource. Weg von Erdöl und Plastik hin zu diesen biobasierten Werkstoffen hat das feine Geflecht aus fadenförmigen Zellen je nach Verarbeitungsmethode gute Dämm- und Schalleigenschaften. Damit ist der Einsatz als Baustoff, aber auch für die Möbelherstellung denkbar. Neben technischen Fragen, wie die nach der Statik, gilt es auch multisensorische Dimensionen und Wirkungen, sowie die Akzeptanzforschung in diesem Bereich architekturpsychologisch zu begleiten. Gerade zu Pilzen haben Menschen ein ambivalentes Verhältnis und sie sind teilweise, wie Schimmelpilze, mit krankmachenden Assoziationen verbunden. Es gilt diesen Möglichkeitsraum auch im Denken zu erweitern.

Wie entwickelt sich das Verhältnis und die Schnittstelle zwischen digitalem und analogem Raum – wenn wir zum Beispiel an Videokonferenzen und die „digitale Hintergrundetikette“ denken?

Der digitale und analoge Raum verschmelzen schon lange. Wir arbeiten digital im analogen Raum und unser analoger Raum wird auch digital sichtbar. Für die Interaktion mit Anderen gilt es bewusst, kanalspezifisch (es kann auch mal eine gestraffte E-Mail sein!) und präzise zu kommunizieren – und dabei auch Spaß zu haben.

Welche (nicht digitalen) Ausstattungen und Materialien fördern ein gesundes und produktives Homeoffice?

Das hängt stark vom Aufgabenfeld ab, aber es gelten ähnliche Kriterien wie für das Büro: gute Lichtverhältnisse und akustische Abgrenzung vom privaten Bereich. Des Weiteren ist auf einen ergonomischen Arbeitsplatz zu achten und Bewegungspausen. Ampelzeichen können hilfreich sein, dass auch die Familie weiß, bitte nicht stören.

Weshalb sollten sich Planende und Unternehmen mit den eingesetzten Materialien für die Arbeitsumgebung intensiv auseinandersetzen?

Es gibt vielfache Evidenz, dass die Qualität von Arbeitsräumen Einfluss auf Motivation, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden hat. Wichtig für Planende und Unternehmen ist in dem Prozess der Materialauswahl auch die Sicht der späteren Nutzerinnen und Nutzer zu antizipieren und einzubeziehen. Da wissen wir, dass es zum Teil systematische Unterschiede zwischen Gruppen gibt. So wird zum Beispiel Sichtbeton von Laien (das heißt von Nicht-Architekturschaffenden) in vielen Facetten signifikant ungünstiger beurteilt als von Architekturschaffenden. Das steht in Einklang mit weiteren architekturpsychologischen Untersuchungen, bei denen ebenfalls bedeutsame systematische Bewertungsunterschiede zwischen Architekturschaffenden und Nicht-Architekturschaffenden bei Urteilen in Bezug auf Gebäude, Materialität, Proportionen, Komplexität gefunden wurden. Um so wichtiger erscheint es, diese Brücke zu schlagen und Modelle zu finden, diese Nutzendenperspektive in Bezug auf Erleben und Verhalten, wenn möglich auch bereits im Entwurfsprozesse, zu antizipieren und nutzbar zu machen, so wie es in der Produktentwicklung und im UX-Design mit Prototyping bereits auch üblich ist. Gerade in Richtung Vir­tu­al Re­a­li­ty passiert da gerade einiges, z.B. virtuelle Bemusterung durch einen digitalen Zwilling.

In Bezug auf die ästhetische Bewertung von Sichtbeton gibt es eine eindrückliche Pilotstudie von Köhler und Kollegen, die eine positive Einstellungsänderung von Laien nach einer nur 30-minütigen Intervention gemessen haben. Die Intervention bestand aus einer kleinen Vorlesung zur Wissensvermittlung in Bezug auf Beton als Baustoff, Bestandteile von Beton und ökologische Aspekte. Daraus kann man schlussfolgern, dass die Vermittlung von Wissen nicht nur zu dessen Zuwachs führt, sondern auch eine Veränderung der Einstellung und Werteurteile bewirken kann. Die Studie zeigt beispielhaft möglicherweise auch, dass Konzepte und Materialien, wenn sie erklärt werden, besser verstanden und besser genutzt werden. Das hieße ganz konkret: Das Konzept eines Büros "wie eine Gebrauchsanweisung" transparent zu machen – statt darauf zu hoffen, dass sich die Nutzenden schon wie gedacht und gehofft verhalten werden.

Wichtig bei der Planung von Arbeitsräumen ist, dass man vorab die Arbeitsanforderungen und Bedürfnisse der unterschiedlichen Nutzendengruppen systematisch erfasst und analysiert, sodass diese Informationen als Grundlage zur Verfügung stehen. Da bietet die Architekturpsychologie einen reich gepackten Methodenkoffer. Partizipation im Planungsprozess und im weiteren Verlauf und Moderation des Prozesses durch Fachkundige sind wichtige Bausteine für gelungene Planung, Gestaltung und die spätere Nutzung von Arbeitsräumen. 


 

Dipl.-Psych. Gudrun Rauwolf, M.A. studierte Psychologie an der Humboldt Universität Berlin, Bühnenbild und Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und am Chelsea College of Art & Design als DAAD-Stipendatin. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Architekturtheorie an der TU Berlin und promoviert im Bereich Architekturpsychologie. Ihre zentralen Forschungsfragen sind, wie Räume, Objekte und visuelle Displays in ihrer spezifischen Präsenz Erkenntnisse vermitteln, Prozesse steuern und zu (Be-)Deutungsgeneratoren im menschlichen Erleben und Verhalten werden. Ziel ist dabei, Gestaltungswissen interdisziplinär nutzbar zu machen.

www.architekturtheorie.tu-berlin.de

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