Veränderung als Chance

Veränderung als Chance

Interview mit Phoenix Design

Die Phoenixe, wie sich die Mitarbeitenden von Phoenix Design selbst nennen, sind geschätzte und gern gesehene Gäste der raumprobe. Das international agierende Design- und Innovationsstudio aus Stuttgart ist ein Multitalent in Sachen Produktdesign – und da darf das passende Material natürlich nicht fehlen.  An den Standorten Stuttgart, München und Shanghai entwickelt das 80-köpfige interdisziplinäre Team Ideen, Prototypen und Produkte für Firmen auf der ganzen Welt. Wie sie hierbei vorgehen, wollten wir genauer wissen! Headerbild © Hansgrohe SE

Ihr habt Euren Hauptsitz in Stuttgart sowie weitere Standorte in München und Shanghai. Funktioniert Design Made in Stuttgart also auf der ganzen Welt? 

Der Kreativstandort Stuttgart hat sich bei der Gründung von Phoenix 1987 angeboten, da er Design, Architektur und Ingenieurskunst vereint. Sicher wurde damals insbesondere durch die Design-Modellbauwerkstatt ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung von Phoenix gelegt. Heute profitieren jedoch alle Studios maßgeblich vom Austausch untereinander.

Büromobiliar, Leuchten, Kameraobjektive, Klimageräte und Apps – die Bandbreite Eurer Produkte ist groß. Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der Eure Produkte vereint? 

Der gemeinsame Nenner ist für uns die Balance –Ästhetik, Form, Material und Farbe müssen eine ausgeglichene Einheit ergeben, dadurch entsteht die Magie in unseren Projekten. Je intensiver die einzelnen Bestandteile bei der Gestaltung berücksichtigt werden und im Einklang stehen, desto authentischer und begehrenswerter wird das Ergebnis beim Nutzenden wahrgenommen.

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Eure Produkte erhielten seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1987 über 800 Preise – und tun es bis heute. Auch für ihr Lebenswerk haben Eure Gründer Andreas Haug und Tom Schönherr bereits 1998 einen Preis gewonnen. Gibt es eine Auszeichnung in all den Jahren, auf die Ihr besonders stolz seid?

Eine besondere Auszeichnung war für uns der Ehrentitel Red Dot Design Team of the Year 2018. Jede neue Entwicklung entsteht nur durch die Zusammenarbeit und Abstimmung im Team. Die Auszeichnung hat uns daher in unserer Arbeit sehr bestätigt und war eine tolle Motivation für uns alle. Auch die gemeinsame Feier auf der Bühne in Essen, für die das gesamte Team aus Stuttgart, München und Shanghai angereist ist, bleibt uns seither in lebhafter Erinnerung.

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Ihr habt mit dem Produkt RainTunes für den Hersteller Hansgrohe das Duscherlebnis weiterentwickelt. Was hat es damit auf sich? 

RainTunes ist insofern eine besondere Innovation, da es das Duschen ganzheitlich verändert und somit den Trend des Bads als Rückzugsort aufgreift. Durch die Orchestrierung von Wasser mit Licht, Sound und Duft zu Duschszenarien wird das Duscherlebnis reicher und intensiver. Ganz gleich, ob man sich nach dem Arbeitstag erfrischen oder den Abend entspannt ausklingen lassen möchte: Diese Szenarien sind für den Alltag entwickelt und bieten so ganz individuelle Wellnessmomente in den eigenen vier Wänden. Bild oben © Hansgrohe SE

Taschenrechner, Wecker, Kalender, Kamera, Telefon – immer mehr Produkte verschmelzen zu einem, darüber hinaus wird das Interface Design immer wichtiger. Seht Ihr diese Entwicklung als Chance oder geht hier etwas, z.B. die Materialität, verloren? 

Die Materialität geht ja nicht verloren, eher im Gegenteil: Sie gewinnt an Relevanz. Wir haben daher einen optimistischen Blick und sehen diese Veränderung als Chance. Die technischen Entwicklungen bieten viele großartige Möglichkeiten. Wir sollten sie dazu einsetzen, unser Leben zu vereinfachen und uns so Zeit geben für die Dinge, die uns wichtig sind. Als Gestaltende können wir neue Lösungen entwickeln, die die physische Interaktion mit Produkten besser und spannender machen und auch dem Digitalen eine passende Materialität verleihen. So entstehen ganzheitliche Objekte, die beide Welten vereinen. 

Seit vielen Jahren stellt Ihr Euren PraktikantInnen ein und dieselbe Aufgabe am Ende ihres Praktikums: Ein Yo-Yo möge gestaltet werden. Warum gerade dieses Produkt?

Das Yo-Yo ist eigentlich ein simples Produkt, das keinen direkt sichtbaren Wert hat. Unseren PraktikantInnen stellen wir dazu in Verbindung mit der Gestaltung eines Yo-Yos immer ein Dachthema. In der Yo-Yo Ausgabe der Sommer-PraktikantInnen 2020 war diese beispielsweise ein Material‐Experiment mit Kaffeesatz. Inhaltlich passte das gut in ein Projekt zur Entwicklung unserer nunc Kaffeemaschine. Im Sinne des ‚Cradle-to-Cradle‘-Prinzips entwickelten die Studierenden also vier Modelle aus Kaffeesatz – kombiniert etwa mit Stärke, Zellulose, Honig oder Wachs – um spielerisch die Möglichkeiten alternativer Materialien zu testen.

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Woher bekommt Ihr die Inspirationen für Material- und Farbgestaltung?

Neben unserer eigenen Materialbibliothek arbeiten wir gerne mit raumprobe als Inspirationsplattform. Wir haben CMF- (Colours, Materials, Finish) und Research-Experten im Team, die alle Trends verfolgen und in die Projekte tragen. Zudem verfolgen wir Trendplattformen und besuchen Messen aus verschiedenen Bereichen. Wir sehen unseren Vorteil als unabhängige Agentur Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Projekten, Kunden und Produktfeldern, sammeln zu können. Das ermöglicht es uns, intern offen zu kommunizieren und so reale Trends abzuleiten. 

Wo seht Ihr aktuell die größten Trends im Bereich der Farb- und Materialgestaltung?

Zwei große Themen in Bezug auf Farb- und Materialgestaltung sind aktuell – beschleunigt durch die Pandemie – besonders wichtig: Hygiene und Nachhaltigkeit. Vor diesem Hintergrund der Unsicherheit sehen wir die Entwicklung von Oberflächen und Materialien, die sich mit dem Hygiene-Aspekt auseinandersetzen und selbstreinigende, antivirale Oberflächen als Antwort liefern. Kurzfristig sehen wir dabei den anhaltenden Trend zu Echtmaterialien, der in Zeiten von Unsicherheit greifbare Werte vermittelt. Das spüren wir besonders an Texturen und natürlichen, gewachsenen Oberflächen, die das Echtmaterial noch authentischer machen. Als langfristigen Trend bemerken wir die Auseinandersetzung mit dem Product Lifecycle. Egal, ob beim Leichtbau, bei der Materialerwartung, Reparierbarkeit oder der Langlebigkeit vs. Recycling: Die Gesetzgeber, nicht zuletzt die EU mit der Initiative Neues Europäisches Bauhaus, aber auch die Menschen erwarten Lösungen, die uns ein nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur ermöglichen. Und dafür spielen die Materialien und Produktionstechnologien der aktuellen und zukünftigen Produkte eine große Rolle.

Warum sollten Unternehmen die CMF-Entwicklung in Ihren Produktentwicklungsprozess als festen Bestandteil integrieren?

Durch die Komplexität der Material- und Farbvielfalt, entsteht bei vielen Unternehmen mittlerweile die Haltung: „Wir produzieren am besten alle Produkte, in allen Materialien, in allen Oberflächen. Dann ist der Kunde zufrieden und das Thema vom Tisch.“ Diese Herangehensweise übersteigt jedoch zum einen die Lagerkapazitäten und Produktionskosten und zum anderen die Kombinationsmöglichkeiten. Es droht die Gefahr fragwürdiger Farb- und Materialzusammenstellung, die dem Markenimage nicht immer zuträglich sind. 

Hinter jedem Produkt und Sortiment sollte daher eine gezielt durchdachte CMF-Strategie stehen. Nur so halten sich die Kosten im Rahmen und die Kundschaft findet sich nach dem Kauf in ihrer eigenen Stilwelt wieder, in der sie sich zu 100 % wohlfühlen, da die CMF-Gestaltung maßgeblich zum Charakter eines Produkts beiträgt und dessen Botschaft vermittelt. Das haben mittlerweile viele unserer KundInnen erkannt, sodass die Nachfrage nach Farb- und Materialgestaltung so hoch wie nie zuvor ist.

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Nicht nur mit Euren Designs und Produkten seid Ihr zukunftsorientiert: Seit 2020 seid Ihr klimaneutral zertifiziert. Was bedeutet das für Eure Produkte bzw. für Euren Büroalltag genau? 

Wir gehen unsere direkten und indirekten CO2-Emissionen auf mehreren Ebenen an. In Stuttgart haben wir beispielsweise sehr positive Erfahrungen mit vegetarischen und veganen Caterern gemacht und etablieren fleischfreie Verköstigungen nun als Standard. In Bezug auf die Anfahrt unserer Mitarbeitenden möchten wir E-Mobilität fördern und sind aktuell dabei, Ladestationen aufzubauen, die dann mit unserem Ökostrom von Lichtblick betrieben werden. 

Das größte Potenzial sehen wir allerdings in unserem täglichen Schaffen als DesignerInnen und InnovatorInnen. Wir arbeiten zusammen mit einigen unserer Kunden an einer stärker nachhaltigkeitsorientierten Lösung in Projekten. Das hat mit einer Haltung zu tun. Mit dieser Haltung können wir auch größere Initiativen und ein Umdenken unserer Kunden anstoßen und begleiten. Als Gestaltende sehen wir uns in der Verantwortung, unsere Fähigkeit, Dinge neu zu denken, als Chance in einem Wandelprozess zu nutzen und so neue Gedanken einzubringen. 

Um von Anfang an in die richtige Richtung zu innovieren, setzen wir im Designprozess dann auf etablierte Ecodesign und Design-for-Sustainability-Ansätze, als auch auf Co-Creation mit externen Experten und Thought Leadern aus dem Bereich. Langfristig streben wir an, Nachhaltigkeit genauso wie die Nutzerzentrierung, als selbstverständliches und unumgängliches Kriterium in all unseren Projekten zu etablieren. 

Material, das Ihr braucht:

Einblicke und Erkenntnisse über das, was Menschen suchen.

Material, das Euch bewegt:

Optimistische Kunden, die den Mut und das Vertrauen haben mit uns neue Wege zu gehen.

Material, von dem Ihr träumt: 

Eine Politik und Industrie, die den Menschen wieder in den Mittelpunkt Ihres Handelns stellt.

Phoenix Design ist ein Design- und Innovationsstudio, das smarte, sinnvolle und substanzielle Markenerlebnisse schafft, die Menschen berühren – heute, für morgen. Seit 1987 entstehen Produkte, Interaktionen und digitale Ökosysteme basierend auf den Grundwerten Logik, Moral und Magie. Mehr als 800 Designpreise bestätigen die Qualität und Kontinuität der Arbeit weltweit, unter anderem der Ehrentitel Red Dot Design Team of the Year 2018. Heute gestaltet das 80-köpfige internationale Team an den Standorten Stuttgart, München und Shanghai zusammen mit seinen Partnern eine gemeinsame Vision von Smart Living.

Die Personen dahinter sind: die Geschäftsführer Andreas Diefenbach, Harald Lutz, und Joon-Mo Lee

Die Produkte: »hier

 

Die Fragen wurden beantwortet von: 
Marc Michalak, Senior Design Modeller
Matthias Oesterle, Design Director
Veronika Schmidt-Schäffer, Senior Designer
Franziska Warnke, Communication Manager

 

Phoenix Design GmbH + Co. KG

Kölner Straße 16
70376 Stuttgart

www.phoenixdesign.com

Bilder © Phoenix Design

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